Projekt Traweeg-Ensemble

April 10th, 2008 by admin

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JETZT

Klänge kennen weder Zeit noch Geografie. Und doch vermag uns ihre Flüchtigkeit Gegenwart zu schenken, uns in Stimmungen, Zustände, Gerüche, Landschaften oder Zeiten zu katapultieren oder Räume zu öffnen.

1775 bearbeitet der große Denker Jean-Jacques Rousseau den genau 50 Jahre zuvor entstandenen „Frühling“ von Antonio Vivaldi für Soloflöte. Längst erschüttert Rousseau ganz Europa mit seiner aufklärerischen Ideenwelt und wird drei Jahre vor seinem Tod der musikalischen Urmission nicht untreu. Dieser „La Primavera“ war auch Initiation zu einer Idee, die Sie letztlich auf diesem Klangträger nachhören können. Rousseaus Aufruf (aus seinem Erziehungsroman „Émile“): „Man muss an alle Jahreszeiten denken.“ – erreicht mich in postprophetischer Hellnachsichtigkeit in den Momenten der Vollendung dieses Projekts.

Von meiner Idee ließen sich vier Klangschöpfer unserer Zeit begeistern und nahmen die Herausforderung herzhaft an, für eine Besetzung ganz eigener Art erstmals Stücke zu schaffen. Vier Jahreszeitmusiken, vier Klanghimmelsrichtungen, von vier und mehr Standorten erlauscht, finden sich unvermutet, wenn auch nicht unbeabsichtigt, unter einem von mir gespannten Bogen. Nebeneinander entstanden, verschmelzen sie zeitlos ineinander, als ob sie schon immer von einander gewusst hätten. Klänge kennen keine Grenzen.

Vier von vier für vier und doch viel mehr.
Alles hat seine Zeit, vor allem Jetzt.

NORBERT TRAWÖGER

DIE ZEIT IST KURZ, SEI LUSTIG

„Musik“, hat der amerikanische Dichter Sidney Lanier (1842 – 1881) einmal gesagt, „ist die Liebe auf der Suche nach einem Wort“. Lanier hatte für vieles weniger Zeit als andere, früh entdeckte er über das Flötenspiel seine Liebe zur Musik, früh zog er aus, im amerikanischen Bürgerkrieg das Fürchten zu lernen und früh starb er. Ein Freund, der um die Begrenztheit der eigenen Zeit wusste, sagte an einem Frühlingstag von entsetzlicher Schönheit, nachdem er ein Gedicht des Amerikaners vorgelesen hatte: „Die Zeit ist kurz, sei lustig.“ Musik ist, wie Literatur, ein Umgehen mit, ein Sichbewegen in der Zeit. Ihr Verfließen wird uns weniger durch die kleinen Intervalle, welche die Uhren an unseren Handgelenken verticken, oder das tägliche Abreißen des Kalenderblatts bewusst, sondern am ehesten durch den Wechsel der Jahreszeiten, denen wir in geheizten Wohnungen und klimatisierten Büros immer wie weniger ausgeliefert zu sein meinen – und es gerade deshalb umso mehr sind. So wie unseren Gefühlen. Jahreszeiten also, Vivaldis Frühling, bearbeitet von Rousseau, Alois Wimmers „Frühlingsrolle“, Balduin Sulzers Sommersprossenprosa, Nebojsa Krulanovics „Herbst“ und Rudolf Jungwirths „Winter“. 45 Minuten Musik, der ephemeren Tyrannin Zeit auf der Spur, ihren Klängen, Gerüchen, dem Werden und Vergehen, der Stille auch. 45 Minuten Musik von zeitgenössischen Komponisten für das Traweeg-Ensemble geschrieben, Bewegung und Licht evozierend, schneebehangene Tannen, Schäfchenwolken, den April, der den Hängen das Grün in die Wangen jagt, Hitze und Kälte, Stürme. Schön ist die CD geworden, intensiv und schnörkellos. Musik hat, wie die Liebe, mit dem Unsagbaren zu tun. 45 Minuten Jahreszeiten und eine Ermutigung, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen.

STEFAN GMÜNDER

Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie unter: www.traweeg.at


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